Wer, wie, was? Der Gamer
26. August 2011
Die Debatte um RTL Explosivs stigmatisierenden TV-Beitrag hat auch ein Gutes: Die Branche kann sich endlich einmal Gedanken um ihr Bild nach außen machen. Wer ist überhaupt ein Gamer? Wie wirkt der Gamer? Sprich: Wer darf sich von dem Beitrag auf RTL überhaupt angegriffen fühlen?
Über das Thema habe ich mir an diesem Donnerstag besonders Gedanken gemacht, als ich auf Twitter über das Verhalten von RTL und die Reaktionen darauf geschrieben habe und von meinen Lesern gefragt wurde, welche Relevanz Gaming in der öffentlichen Debatte überhaupt hat.
Meine schlichte Antwort war der Verweis auf eine repräsentative Umfrage des Branchenverbandes BIU, wonach in 2010 zirka 23 Millionen Deutsche “regelmäßig Computer- und Videospiele” spielen, darunter doch immerhin zehn Millionen Frauen.
Doch was verstehen wir unter Computer- und Videospielen? Auch, wenn eine ältere Frau regelmäßig am Rechner Solitär spielt oder der alte Amiga aus dem Keller geholt wird? Auch hier gibt der BIU mit seinen Marktzahlen einen Indikator: 2010 wurden 71 Millionen verkaufte Datenträger oder bezahlte Downloads gezählt, und diese Zahlen beziehen sich auf die erwähnte Spielerumfrage. Als Gamer zählt also, wer relativ aktuelle Spiele erworben hat.
Welche Plattformen gehören dazu? Auch hier gibt es spannende Entwicklungen. Außer dem PC gibt es neben Sonys PlayStation 3 auch Nintendos Wii oder die Xbox 360 von Microsoft, ganz zu schweigen von diversen Handhelds wie Nintendos 3Ds oder die in wenigen Monaten erscheinende PlayStation Vita. Daneben werden Games immer häufiger auf Smartphones gespielt, hierzu stellen Android und das iPhone die entsprechende Basis zur Verfügung. Online- und Browserspiele gehören ebenfalls zu den Plattformen.
Wer ein Gamer sein möchte, muss also nicht mehr unbedingt zuhause vor dem Monitor sitzen, Gaming funktioniert heutzutage selbst auf kleinsten Bildschirmen in ansprechender Qualität. Dabei gibt laut BIU der Computer aber weiterhin und deutlich den Ton an.
Des Weiteren gibt es noch eine weitere, zu klärende Unterscheidung: Ist ein Gamer nur derjenige, der sich regelmäßig mit Spielen auseinander setzt (Hardcore-Gamer), oder auch der Gelegenheitsspieler (Casual-Gamer)? Auch hier hat die Spielebranche, überwiegend aus Gründen der eigenen Weiterentwicklung – auch finanzieller Art – einen großen Sprung gemacht und weitet sein Feld aus. Casual-Gamer rücken immer mehr in den Blickwinkel der Hersteller. Sie machen inzwischen in den Statistiken einen erheblichen Teil aus. Nintendo bspw. spielt bewusst damit, das Gaming zu einem Familienabend zu machen wie bisher 4Gewinnt, Mensch ärgere Dich nicht oder Schach. Und damit haben sie Erfolg: Obgleich ein deutlicher Anteil weiterhin zwischen zehn und 19 Jahren alt ist, erschließt die Spielebranche ein großes Millionenpublikum selbst bei den ab 40-Jährigen (3,6 Mio. bis 49 Jahre, vier Mio. ab 50 Jahren). Dies liegt jedoch zudem auch daran, dass die heute 40-Jährigen bereits zu der Generation zählen dürfen, die mit der Elektronik aufgewachsen sind und deshalb auch als aufgeschlossener gelten dürfen.
Ein Gamer zu sein bedeutet heute folglich auch nicht mehr, sich ständig mit der Materie auseinander zu setzen, in Clans zu spielen oder ein Aktivposten auf den Servern von Online-Rollenspielen zu sein. Allerdings ist der Hardcore-Gamer weiterhin der am deutlichsten, zumindest öffentlich wahrnehmbare Teil der Community.
All diese Zahlen machen deutlich, dass der Gamer an sich ein überholter Begriff ist, da er heute lediglich noch die Funktion hat zu beschreiben, wer überhaupt spielt. Längst sind Computer- und Videospiele in der Mitte der Gesellschaft angekommen, zählen nicht mehr zu den Randgruppen irgendwelcher “Freaks”, sondern sind ein Bestandteil des Alltages von Millionen Menschen in Deutschland.
Darf sich aber jeder von dem RTL-Beitrag stigmatisiert fühlen, der unter die Definition Gamer fällt? Ein Blick auf die Debatte vor allem via Facebook auf der offiziellen gamescom-Seite lässt erahnen, dass der Aufschrei nicht aus der ganzen Gesellschaft rührte, sondern sich auf eine bestimmte, wenn auch sehr lautstarke Gruppe beschränkte. Die Beschwerden kamen überwiegend von jungen Menschen, die sich offen als Gamer outen und eher zu denjenigen zählen, die sich regelmäßig mit Computer- und Videospielen auseinander setzen. Genau diese Gruppe nahm der RTL-Beitrag auch aufs Korn, jedoch mit dem Hinweis, so wie im Fernsehbeitrag seien alle Messebesucher gewesen.
Doch hier irrte der Beitrag. Sicherlich lebte die gamescom und lebt auch in Zukunft von skurril anmutenden Menschen, die sich verkleiden. Der auf den Durchschnitt heruntergebrochene Besucher der gamescom ist aber eben nicht so speziell, sondern ein normaler Jugendlicher, der die gamescom in seiner Freizeit besucht wie sonst ein Schwimmbad. Immer mehr Messebesucher kommen in Begleitung einer Freundin, was auch das Vorurteil relativiert, der Gamer sei Single und schüchtern. Obgleich es letzteres weiterhin geben wird, ist dies aber nicht mehr sinnbildlich für den durchschnittlichen Gamer.
Insofern lässt sich festhalten, dass der Gamer längst mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung beschreibt, der RTL-Beitrag sich aber besonders auf eine kleine Gruppe von Hardcore-Gamern bezog und dabei in seiner Beschreibung trotzdem noch extreme Entwicklungen darstellte, die nicht (mehr) repräsentativ sind für eine ganze Jugendkultur.
26. August 2011 um 01:31
Naja…O.o ich fühl mich trotzdem angesprochen. Auch wenn ich aktuelle Spiele hab fühl ich mich von denen total verarscht :) zwar weiß ich es besser aber naaaaja…
“…RTL-Beitrag sich aber besonders auf eine kleine Gruppe von Hardcore-Gamern bezog und dabei in seiner Beschreibung trotzdem noch extreme Entwicklungen darstellte, die nicht (mehr) repräsentativ sind für eine ganze Jugendkultur.”
Da bin ich nicht so deiner Meinung :) Ich sah da keine wirklichen Hardcoregamer :)