275.000 Besucher auf der gamescom 2011 – eine stolze Zahl, die die Koelnmesse am Sonntag veröffentlichte. Doch es hätten noch mehr sein können, wenn die gamescom ihr Potential nur ausnützen würde, meint Frederic Schneider in seinem Kommentar.

Selbst der Branchenverband BIU wird nicht ganz damit gerechnet haben, dass der Besucherrekord aus 2010 so schnell noch einmal um gut acht Prozent mehr Gamer getoppt werden könnte. Ja, ein klares Fazit: die gamescom war für die Aussteller, Besucher und – bitte lasst uns diesen Triumph – auch für die Presse ein voller Erfolg.

Foto: Frederic Schneider
Schon am Messedonnerstag war sehr viel los auf dem Messegelände

Doch die Vorkommnisse am Messesamstag geben zu denken. Aufgrund des hohen Andrangs hatte die Messeleitung entschieden, die Eingänge sicherheitshalber zu schließen und den Verkauf von Tagestickets zu stoppen. Ewig lange Schlangen bei hohen Temperaturen vor dem Messegelände und abnormale Wartezeiten an den Ständen – EA sprach von bis zu neun Stunden bei Battlefield 3 – waren das Resultat. Dass es irgendwann dazu kommt, war abzusehen. Schon in den Jahren 2009 sowie 2010 und selbst auf der “Games Convention” in Leipzig sind manche Hallen so überfüllt gewesen, dass man schwer durch kommen konnte. Selbst wenn es noch ging, so war es doch nie angenehm.

Wieso die Koelnmesse nicht reagierte, bleibt zunächst ihr Geheimnis. Wieso die Hallen 1, 2, 3 und 11 nicht benutzt werden, auch. Aber wieso? Mehr Hallen zu öffnen bedeutet sicherlich erst einmal auch mehr Arbeit, vielleicht auch geringere Quadratmeterpreise, es bedeutet zugleich aber auch mehr Platz, die Stände könnten flexibler gestaltet werden. Die Massen würden sich besser verteilen. Wahrscheinlich wäre der Besucherrekord von 275.000 Menschen noch höher ausgefallen.

Davon würden nicht nur die Aussteller profitieren, sondern besonders die Messebesucher, die das Kapital der gesamten gamescom sind. Nach dem Messesamstag in 2011 sollte die Koelnmesse, die ansonsten eine hervorragende Arbeit macht, reagieren und die anderen Hallen endlich öffnen.

Besucherstörme, soweit das Auge reicht, laute Musik, hübsche Damen: die gamescom machte ihrem Namen auch in diesem Jahr wieder aller Ehre. Doch die große Feier in Köln-Deutz darf nicht den Blick darüber versperren, dass sie vor allem von Spieleserien lebt. Und die könnten sich schon bald abnutzen.

Gamer sind wie kleine Kinder: Lässt man sie zu lange mit ihrem Geschenk alleine, wollen sie erst einmal nicht mehr los lassen. Folgt man diesem Vergleich, ist die gamescom ein überdimensionaler Kindergarten mit lauter Geschenken, die es zu entdecken gilt.

Genau genommen sind die Kinder jedoch Jugendliche, überwiegend im Alter von Schülern der höheren Klassen oder von Studenten, und die Geschenke sind die vielen Messestände in den Hallen 6 bis 10, die von Jahr zu Jahr mehr und bombastischer werden – nur die Spiele sind die gleichen.

Foto: Frederic Schneider
Gamer, soweit das Auge reicht

Und damit ist bereits ein erster Kritikpunkt ausgemacht: Die Spielebranche steht auf der Stelle. Einmal abgesehen von der einen oder anderen Perle, lebt die Begeisterung auf der gamescom vor allem von den Spieleserien, von denen die Publisher jedes Jahr, aber doch spätestens alle zwei, drei Jahre einen neuen Teil veröffentlichen: FIFA Soccer und Need for Speed von Electronic Arts, DICE und EA veröffentlichen ein neues Battlefield, die Geschichte von Assassin’s Creed wird durch Ubisoft fortgesetzt – und ein neues Diablo oder StarCraft gehört inzwischen zum guten Ton. Die Gamer bedanken sich mit Wartezeiten von bis zu drei Stunden, um zwanzig Minuten Diablo 3 anzuspielen.

Große Fortschritte machen diese Spiele vor allem im Optischen. Neue Grafik-Engines, wie die neueste Frostbite-Variante in Battlefield 3, sorgen für den einen oder anderen Augenschmauß bei den Gamern auf der gamescom – Ergebnis ist ein Lächeln, das sonst nur die immer freizügiger werdenden Messehostessen, in der Gamersprache auch als “Babes” tituliert, auf den Gesichtern der Spieler erzeugen. Allerdings stoßen die Entwickler schon jetzt an die Grenzen der Technik, manche fordern deshalb eine neue Konsolengeneration.

Schaut man sich die Konsolen-Spiele an, geben weiterhin Microsoft, Nintendo und Sony den Ton an, doch irgendwie sind Bewegungssteuerungen wie “Kinect for Xbox 360″ bereits zu etabliert, um als Trend zu gelten. So zog vor allem der Android-Bot durch die Hallen, um neue Produkte für Smartphone-Spiele zu bewerben. Spielehersteller richten sich immer häufiger darauf aus, ihre Spieleproduktionen für mehrere Plattformen bereitzustellen. Notwendig werden aufwändige Portierungen. Das deutsche Entwicklerstudio exDream Entertainment hat sich deshalb Gedanken gemacht und veröffentlicht mit der “Delta Engine” ein Grundgerüst, das aufwändige Portierungen überflüssig macht und alle wichtigen Plattformen von Haus aus unterstützt. Doch populäre Spiele gab es auf Basis solcher Engines bislang noch nicht.

Foto: Frederic Schneider
Benedikt Grindel (Ubisoft) hat den Trend ausgemacht, dass Entwickler immer häufiger die Spieler in die Spiele-Produktionen einbeziehen

Möchte man von angekündigten Neuerungen berichten, dann sind es allenfalls die Online-Spiele: Ubisoft lud etwa zu einem “Roundtable” ein, um davon zu berichten, dass sie bei ihren Spielen die Community inzwischen so oft in die Entscheidungswege bei Spieleproduktionen einbinden wie bislang noch nie. Benedikt Grindel, der durch Siedler bekannt gewordene Leiter für “Live Operations” bei Ubisoft, lies sich den Satz entlocken: “Wir kommunizieren ständig mit den Spielern”, quasi jede Minute. Vorteile sind, dass Änderungen in den Spielen sehr schnell umgesetzt werden können. Mussten die Gamer auf neue Funktionen bislang mindestens ein bis zwei Jahre warten, bis eine neue Version des Spieles veröffentlicht wurde, können Anregungen heutzutage in mehreren Tagen bis wenigen Wochen integriert werden. So genannte Packshots, also die Hüllen um die Spiel-DVDs, könnten folglich demnächst der Vergangenheit angehören. Der Download ganzer Spiele via Plattformen wie Steam wird zum Standard.

In diesem Punkt warf die gamescom jedoch mehr einen Blick in die Zukunft anstatt die Gegenwart zu beschreiben. Vielleicht, das ist eine kleine Hoffnung, wird die gamescom 2012 noch etwas mehr Spannung und Spiel beinhalten. Um es mit den Gamern als kleine Kinder zu halten: Man kann sich für Geschenke stark interessieren, findet sie aber irgendwann öde, weil man etwas Neues haben möchte. Die Gefahr besteht, denn ob sich noch jemand für Battlefield 6 oder FIFA 2020 bei gleichbleibenden Spieleprinzip interessieren wird, das darf zumindest angezweifelt werden.

Zuerst erschienen auf IchSpiele.cc