Hinterher kann man sagen, hätte Thessa nur das eine Kreuzchen gemacht, den einen Haken bei Facebook gesetzt – uns wäre sehr viel erspart geblieben. So genannte “Facebook-Veranstaltungen” sind in aller Munde, und wie wir es gewöhnt sind, gab es auch schon erste Verbotsforderungen.

Facebook, das trotz Google+ unangefochtene soziale Netzwerk Nummer 1, ist auch deshalb beliebt, weil man sehen kann, wer heute, morgen und übermorgen Geburtstag hat, oder welche Veranstaltungen als nächstes anstehen. Jeder Facebook-Nutzer kann Veranstaltungen erstellen und Gäste hierzu einladen. Das System unterscheidet dabei zwischen öffentlichen und privaten Veranstaltungen. Letzteres hat den Vorteil, dass es niemand sieht außer jener, der eine Einladung erhalten hat. So etwas macht beispielsweise Sinn, wenn ein Nutzer zu seinem Geburtstag via Facebook einladen möchte.

Die bereits erwähnte Thessa vergaß jedoch das Häkchen bei “Jeder kann die Veranstaltung sehen und für sie zu-/absagen (öffentliche Veranstaltung)”. Ein folgenschwerer Fehler, tausende Menschen sagten daraufhin zu, letztendlich kamen rund 1.600 Jugendliche, um “gemeinsam” mit der damals 15-Jährigen zu feiern. Thessa zog längst die Reißleine, sagte ihre Feier ab, ihre Eltern mussten einen privaten Sicherheitsdienst organisieren, die Polizei nahm randalierende Jugendliche fest.

Dies mag ein extremes Beispiel sein, die Regel ist es freilich nicht. Die Innenminister der Länder hat dies nun jedoch auf die Tagesordnung gerufen, ein Verbot von “Facebook-Veranstaltungen” zu fordern. Im Prinzip soll es folgendermaßen aussehen:

  1. Ein Facebook-Nutzer erstellt eine (bewusst oder unbewusst) öffentliche Veranstaltung
  2. Es sagen sehr viele Menschen zu und vor allem solche, die man eigentlich gar nicht eingeladen haben wollte
  3. Der Facebook-Nutzer bemerkt, dass ihm das Ruder aus der Hand läuft
  4. Irgendwo an dieser Stelle weiß die Polizei davon und schaut sich die Sache nun an. Wenn die “öffentliche Ordnung” in Gefahr ist, will man die Veranstaltung verbieten

Ein anderer Vorschlag kommt vom nordrhein-westfälischen Innenminister Ralf Jäger (SPD). Er stellt sich vor, dass ab einer gewissen Anzahl an Zusagen die Veranstaltung auf Facebook einfach gesperrt wird. Er möchte dazu mit den Betreibern der sozialen Netzwerke Kontakt aufnehmen.


Folgenschwerer Fehler: Mit einem Häkchen kann man Veranstaltungen auf privat schalten, sonst kann jeder für die Veranstaltung zusagen

Was sich, wie viele Vorschläge der Innenpolitiker, auf dem ersten Blick ganz in Ordnung anhört, hat in der Praxis folgende Probleme:

  1. Wir leben nicht in einer Verbotsgesellschaft, wie auch Henrik Bröckelmann völlig zurecht bemerkt
  2. Zweifel ich erheblich daran, dass sich viele Menschen davon beeindrucken lassen oder es überhaupt erfahren, wenn eine Facebook-Veranstaltung von der Polizei abgesagt wird
  3. Es gibt auch Veranstaltungen, die kalkuliert davon leben, dass tausende Teilnehmer zusagen
  4. Naiv wäre es zu glauben, dass sich Facebook als US-amerikanisches Unternehmen vom Vorstoß des SPD-Innenministers beeindrucken lässt und gegen seine Prinzipien eine Sperrfunktion einbaut
  5. All dies verhindert auch nicht, dass ggf. weitere Veranstaltungen auf Facebook mit dem selben Thema erzeugt werden

Um die gesamte Problematik zu lösen, gibt es zwei Wege:

  1. Man nimmt das Thema mit Humor, was natürlich voraussetzt, dass man kein 15-jähriges Mädchen ist, das mit der gesamten Situation überfordert ist und es nicht so cool findet, wenn zig tausende Menschen nun wissen, wo man wohnt
  2. Der Königsweg: Medienkompetenz. Indem jeder Nutzer bei der Veranstaltungserstellung schon weiß, was es für Folgen haben kann, wenn er eine öffentliche Veranstaltung erzeugt (was ja gewollt sein kann), und er im Zweifel lieber das Häkchen bei privaten Veranstaltungen macht, entstehen solche Probleme erst überhaupt nicht

Leider sind die Innenminister auf solche Ideen noch nicht gekommen.

In diesen Tagen ist Google+ online gegangen. Hinter dem Namen verbirgt sich der neueste Coup des kalifornischen Unternehmens, das mit seinem eigenen sozialen Netzwerk dem Branchenprimus Facebook den Rang ablaufen möchte. Obgleich sich Google+ noch in der Beta-Phase befindet und lediglich “eine kleine Gruppe” Zugriff zum Testen bekommen soll, startete in den vergangenen 24 Stunden das große Rennen auf einen Zugriffsaccount. Möglich wurde das über einen kleinen Trick, der womöglich aber bewusst von den Entwicklern ermöglicht wurde, um das Interesse an der Plattform zu schüren. Dies ist schon einmal gelungen. Wie macht sich der Rest?

Google+
“Stream” von Google+

Als ich ein erstes Bildschirmfoto via Facebook verbreitete und Google+ als potentielle Konkurrenz benannte, lautete der erste Kommentar eines meiner FB-Freunde: “Sieht genauso aus (wie Facebook), irgendwie.”  In der Tat: Der “Stream” (auf Facebook: “Neuigkeiten”) ist ähnlich aufgebaut, chronologisch mit den neuesten Meldungen ganz oben auf der Seite, die kommentiert und “geliked” werden können. Bei Google+ gibt es hierzu einen “+1″-Button. Jedes Mitglied von Googles neuester Plattform hat die Möglichkeit, einen Status zu erstellen, kann darin, ebenfalls wie bei Facebook, Personen direkt verlinken, Links anfügen, Bilder oder Videos hochladen. Auch die Profildaten sind nichts Besonderes.

Besonders an Google+ ist dafür Mehreres:

  • Die Circles. Diese Kreise gibt es zwar bei Facebook ebenfalls, sie nennen sich dort Listen, doch kennt sie kaum jemand . Es ist möglich, den Stream eines Nutzers zu abonnieren, indem man ihn per Drag & Drop, d. h. per Ziehen mit der Maus, in einen solchen Kreis zieht, der beispielsweise “Familie”, “Freunde” oder “Kollegen” heißen kann. Nutzer in solche Kreise einzusortieren ist zwingend notwendig, Freundschaftsanfragen oder ähnliches kennt Google+ nicht. Diese Kreise sind in zwei Richtungen interessant:
    • Privatsphäre: Google+ geht standardmäßig davon aus, dass der Nutzer seine Beiträge nicht mit allen Menschen teilen möchte, sondern nur bestimmten Zielgruppen. Es fragt bei jedem zu teilenden Status vorher ab, an welche Zielgruppe, sprich an welchen Kreis die Meldung gerichtet sein soll. Es ist so möglich, einen Status nur für die Familie zu schreiben, oder an alle Kontakte in den Kreisen, außer an die “Kollegen”. Natürlich kann ein Status auch auf “öffentlich” gestellt werden, d. h. auch Nicht-Mitglieder von Google+ können ihn sodann lesen. Diese Möglichkeiten stehen zwar theoretisch auch Nutzern von Facebook zur Verfügung, nur weiß dies kaum jemand oder es ist zu wenig pragmatisch gelöst.
    • Lesen: Klickt der Nutzer auf “Stream”, kann er die neuesten Meldungen aller Nutzer lesen, die er in seine Kreise eingeteilt hat. Es ist auch möglich, einzelne Kreise aufzurufen. Hat man bspw. einen Circle mit der eigenen Fußball-Mannschaft erstellt, kann man so sehr gut die Meldungen aus dieser Zielgruppe unproblematisch herausfiltern.

Google+
Blick auf die Circles

  • Die Sparks. Den praktischen Nutzen habe ich zwar noch nicht ganz enträtselt, die Idee ist jedoch, für ein bestimmtes Thema Meldungen aus dem Internet zu sammeln und gefiltert aufzurufen. Wer Meldungen von seinem Lieblingsverein auf einem Blick haben möchte, findet hier was er sucht. Die Ergebnisse ähneln einer Suche bei “Google News”.
  • Eine effiziente Applikation für Smartphones. Gibt es bislang zwar erst für das Android, die iPhone-Nutzer müssen sich noch etwas gedulden. Als Android-Nutzer konnte ich mir bereits ansehen, was Google so gebastelt hat. Mein erster Eindruck ist, dass die App für Google+ nicht nur sehr übersichtlich gestaltet wurde, sondern auch sehr schnell ist. Auch via Smartphone kann ich sehr viel mit den Circles arbeiten. Besonders toll finde ich die Geolokalisierungsfunktionalität. Ich als Nutzer entscheide darüber, ob die exakte Adresse angezeigt wird, wo ich mich befinde, ggf. der Gebäudename (Beispiel: Eifelturm) oder nur der Stadtname. Dies hat nicht nur einen praktischen Nutzen, sondern ist auch ein Angebot an die Kritiker, die Geolocation-Dienste aus Privatsphäre-Gründe kritisieren. Es ist nicht immer sinnvoll, seinen exakten Standort anzugeben. Alles in allem: Im Gegensatz zu bisherigen Projekten hat Google verstanden, dass man zum Start direkt eine gute App für Smartphones benötigt und dies nicht erst nach Wochen nachliefern darf.
  • Implementierung bisheriger Dienste. Google lebt freilich davon, dass es sehr viele Produkte anbietet und dadurch ein Monopol erreicht. Dies bietet für die Nutzer aber auch einige Vorteile, beispielsweise, dass sich “Buzz” direkt einfügen lässt. Oder wer kann schon auf die Erfahrungen von Picasa zurückgreifen, Googles Fotodienst? Auch hat Google Funktionalitäten aus anderen Produkten implementiert, etwa den Chat von “Google Talk”, wie er auch bei “Google Mail” integriert ist. Großer Vorteil: Ich habe auf meinem Smartphone nicht ein weiteres Chatsystem wie bei Facebook, sondern setze einfach mehr auf die bereits installierte “Google Talk”-App. Heute haben mich zwei neue Freunde darüber angeschrieben.

Google+
Fotoalbum: Gekonnte Implementierung dank Picasa

Freilich gibt es bei Google+ auch einige offene Fragen, die meisten werden sich in den nächsten Wochen und Monaten aus der Praxiserfahrung beantworten. Ein Tag Google+ ist zu früh, um ein abschließendes Urteil abzugeben. Der Erfolg von Google+ wird sich alleine daran messen, wie intensiv sich die Nutzer auf diese neue Plattform stürzen. So ein großes Interesse wie an Google+ habe ich jedoch weder bei Buzz noch bei Google Wave erlebt. Auch scheint Google bei “Google Plus” aus alten Fehlern gelernt zu haben. Google ist erwachsen geworden. Google+ wirkt als das modernere Facebook: Es kann das gleiche, nur besser, könnte man nach den ersten Minuten als neuer Nutzer von Google+ denken. Ungeklärt sind jedoch Fragen beispielsweise wie Marken sich dort präsentieren können. Facebook profitiert auch davon, dass Prominente, Sänger, Fußballer und auch Politiker dort präsent sind. Google+ scheint für solche Kunden noch nicht optimiert zu sein. Google+ ist zudem werbefrei: Die Frage lautet, ob dies mittel- oder langfristig so bleiben kann. Zu guter letzt: Was lernt Facebook vom Google-Erfolg, wie reagiert es? Es wird sich verändern, aber es wird auch seine Linie halten müssen. Eine anscheinend kurzfristig gebastelte und heute stark beworbene Circles-Erweiterung für Facebook von Fans erscheint mir zumindest als die falsche Antwort.

Das politcamp11 ist das Treffen der Netzpolitiker Deutschlands. In diesem Jahr fand die zweitägige Veranstaltung in der Bundesstadt Bonn statt. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Gutes Ding will Weile haben. Das politcamp und ich waren bislang zwei Seiten, die miteinander wollten, aber der eine hatte nie Zeit, so weit gen Nordosten nach Berlin zu reisen, wo das politcamp sonst stattfindet. So blieben mir meist nur der Live-Stream, das 140 Zeichen-Rauschen via Twitter und vor allem die Erzählungen anderer. In diesem Jahr habe ich es nun endlich geschafft, wenn auch nur einen Tag, das politcamp zu besuchen.

Vorweg gegangen war eine nicht ganz zweistündige Autofahrt nach Bonn, in die “Charles de Gaulle”-Straße, was auf Google Maps irgendwie nach Industriegebiet aussah und sich vor Ort als mondäne städtebauliche Leistung entpuppte. Gelegen am Rhein, verkehrsberuhigt, und anscheinend wichtig. Den Weg zum “Alten Wasserwerk”, das von 1986 bis 1992 als Plenarsaal des Deutschen Bundestages diente, fand ich ganz ohne Navigation, den ersten “Politcamper” erkannte ich an den grau-hellblauen Ausweisen – etwas überdimensioniert, genau deshalb aber auch von weitem erkennbar. Detektivmäßig folgte ich ihm den dreiminütigen Fußweg, bis ich auf das erste bekannte Gesicht stieß. Etwas unbeholfen meldete ich mich am Tagungsschalter an, wurde kurz vom Chef persönlich begrüßt und überquerte dann die Türschwelle in den Plenarsaal, wo ich hunderte Sitzplätze sah – gefühlt die Hälfte davon besetzt. Vorne ein Podium mit Diskutanten, die sich über das Thema „Netzpolitik international“ austauschten. Darunter vor allem Mitarbeiter der “Deutschen Welle” (DW), was etwas koscher ist, da die DW zugleich einer der Hauptsponsoren war. Allerdings sollte dies nicht unbedingt negativ auffallen.

Im Zweifel für die Freiheit

Die Diskussion war geprägt von unterschiedlichen Sichtweisen verschiedener Kontinente. Der chinesische Vertreter berichtete besonders davon, dass es keine wirkliche Freiheit in China gebe, und der Vertreter aus dem Iran, Mahmood Salehi, wies auf den Umstand der örtlichen Zensur hin, was sich aber vor allem auch in langsamen Internet-Verbindungen auszeichne. Er erzählte von einem iranischen Oppositionellen, der mit seinem Twitter-Account immer wieder neu starten müsse und jedes Mal, wenn die iranische Zensur ihn auf die schwarze Liste nahm, eine Zahl am Ende seines Twitter-Namens addiere. Zuletzt war es die Zahl 17. Dies war ein sehr einfaches, aber meines Erachtens bezeichnendes Beispiel, wie stark die Zensur in solchen Regimen, aber zugleich wie hartnäckig und mit einem langen Atem ausgestattet die demokratisch(er) denkende Opposition ist. Aus Lateinamerika lernten wir, dass die dort handelnden politischen Akteure das Internet sehr stark nutzen, teilweise auch für kontroverse Diskussionen mit der berichterstattenden Presse. In anderen Ländern wie Bolivien sind Internet-Verbindungen jedoch auch sehr teuer, Lateinamerika leidet zum Teil unter der so genannten “digitalen Spaltung”.

Höhepunkt des #pc11-Sonntages war gewiss die Diskussionsrunde zur Enquete-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft” im Deutschen Bundestag. Das Podium war mit Vertretern aller Fraktionen im Bundestag besetzt, was auch die Relevanz des politcamp11 deutlich machte, zugleich aber auch demonstrierte, dass in der Enquete-Kommission vor allem junge Politiker mitarbeiten und gestalten sollen, die in ihrer ersten Bundestags-Legislaturperiode sind. Was die Enquete-Kommission tue, wäre, so Peter Tauber MdB (CDU), vor allem auch Aufklärungsarbeit bei den eigenen Leuten. Wenn sie mit netzpolitischen Ideen in der Fraktion konfrontiert werden, würde dies neue Diskussionen anstoßen, die bei dem einen oder anderen auch zum Umdenken führt. So schreiben sich die jungen Netzpolitiker, zuvorderst die der FDP, auf die Fahne, die umstrittenen “Internet-Sperren” erfolgreich gekippt zu haben.


(v. li.:) Moderator und Vorwärts-Chefredakteur Uwe Knüpfer, Manuel Höferlin MdB, Peter Tauber MdB. Foto: politcamp / Martin Köster

Für die hohen Erwartungen der Netz-Community scheint dies jedoch noch viel zu wenig zu sein. Die Wortmeldungen beim politcamp11 waren primär von Skepsis gespickt, dass die Enquete-Kommission eine große Show, aber am Ende ohne handfeste Ergebnisse sei. Peter Tauber & Co. argumentierten, Politik sei das Bohren von harten Brettern, und deshalb ein Prozess, der viel Ausdauer bedeute.

Dass sie etwas bewegen, da waren sich jedoch alle Teilnehmer der Podiumsdiskussion einig. In den diversen Enquete-Projektgruppen, bei denen es unter anderem um tagesaktuelle Fragen wie den Datenschutz geht, konnten einige konsensuale Beschlüsse für den in diesem Jahr auszufertigenden Zwischenbericht gefasst werden.  Im Anschluss an den Zwischenbericht plant die Enquete-Kommission die tagesaktuelle Debattenschiene zu verlassen und sich visionärer der Netzpolitik zu nähern. Was Lars Klingbeil MdB (SPD) dazu verleitete, an das Ende der Enquete-Kommission zu denken und zu fordern, einen ständigen Ausschuss “Netzpolitik” einzurichten, der etwa auch Aufgaben des Innenausschusses übernehmen könnte. Denn Netzpolitiker könnten besser über Fragen wie die Vorratsdatenspeicherung entscheiden als rechtspolitisch denkende Innenpolitiker, so die Argumentation. Manuel Höferlin MdB (FDP) und Peter Tauber sehen die Netzpolitik jedoch vielmehr als Querschnittsthema, wozu man keinen einen Ausschuss einrichten könne, sondern stattdessen Netzpolitiker in den wichtigen Ausschüssen sitzen müssten.

Netzgemeinde fordert selbstbewusste Abgeordnete

Viel Lob gab es indessen für alle fünf Podiumsteilnehmer, sich am Sonntagmorgen dem politcamp11 zu stellen. Zugleich appellierten manche Zuhörer an das Selbstbewusstsein der Parlamentarier, was sich zuletzt bei der Einführung von “Adhocracy” zeigte, ein onlinebasierendes Werkzeug, um den so genannten “18. Sachverständigen” (ergo alle interessierte Bürger) in die Enquete-Kommission besser einzubinden. Das Projekt stieß auf viel Widerstand der öfters sehr schleppend denkenden Bundestagsverwaltung. Inzwischen ist das Werkzeug zwar implementiert, erfreut sich aber kaum Interesse. Dies liegt neben der fehlenden Bekanntheit auch an den wenigen dafür zur Verfügung stehenden Ressourcen. Ein politcamp11-Teilnehmer sagte, die Parlamentarier sollten sich von ihrer Verwaltung einfach das nehmen, was sie für ihre Arbeit brauchen. Ein anderer warb dafür, die Bürger dort abzuholen, wo sie sich befinden und dies wäre nicht eine dezentrale Plattform auf den Bundestags-Servern. Welche Plattformen er damit konkret meinte, sagte er nicht, gemeint sind wahrscheinlich soziale Netzwerke wie Facebook.

Die dritte Diskussionsrunde hatte den wissenschaftlich-anmutenden Titel “Partizipation und Community Management. Nutzen Parteien den Rückkanal?”. Die Moderation übernahm Alexander Kurz. Mit dem Thema war vor allem gemeint, welche Chancen es Politikern bietet, das Internet für die eigene politische Arbeit zu nutzen, und was der Unterschied auf den verschiedenen Ebenen ist. Dass etwa die Einbindung von Bürgern über das Netz auf kommunaler Ebene zwecks eventuell gar nicht vorhandener Infrastruktur viel schwieriger zu gestalten ist als ein Bundestagsabgeordneter, der nur ein, zwei Statusmeldungen schreibt und wahrscheinlich direkt Meinungen dazu kommentiert bekommt, wie es Andreas Jungherr beschrieb.


Die Politcamper. Foto: politcamp / Martin Köster

Im Anschluss verlies das politcamp11 das “Alte Wasserwerk” und lief – nach einer Pause, die einige für einen Abstecher zum McDonalds nutzten – weiter im benachbarten Gebäude der „Deutschen Welle“. Die DW hat sich einen wahren Prachtbau, ganz in Weiß gehalten und hübsch angelegt eingerichtet. Hier fand samstags und sonntags das BarCamp statt. Dieser Begriff bedeutet, dass zu Anfang ein so genannter „Sessionplan“ erstellt wird: Jeder Teilnehmer kann Vorschläge für ein von sich gehaltenes Referat (eine Session) einbringen, darüber wird demokratisch abgestimmt und dann auf verschiedene Räume verteilt. Insgesamt gab es am Sonntag zwei Zeitkorridore, und Sessions, die sich entweder auf die Enquete-Kommission beziehen oder mit aktuellen Themen beschäftigen. Jemand hielt eine Session zum Thema #spanishrevolution, was die Umbrüche auf der iberischen Halbinsel beschreibt, eine andere hatte den Namen “Kollaboratives Ministerstürzen”, wo Bezug genommen wurde auf die Internet-Nutzer, die die Doktorarbeit von zu Guttenberg analysierten und darin Plagiatsstellen fanden. Abgerundet wurde das Angebot etwa von selbsternannten “Social Media Experten”, die ihre Begeisterung für Projekte wie Foursquare in Power Point-Präsentationen packten. Höhepunkt (sinngemäß): “Ich habe mir eine Erweiterung aktiviert, die mir jeden Tag mitteilen kann, was ich heute vor einem Jahr getan habe. Das finde ich ganz toll!”

Twitter als das neue Posiealbum

Randnotizen:

  1. Das politcamp11 ist neben der informativen Komponente in Diskussionen und Sessions vor allem ein Netzwerk-Treffen. Entweder man kennt sich von Twitter und sieht sich nun “real life”, oder man lernt sich “real life” kennen und folgt sich im Anschluss auf Twitter. Auf den Ausweisen wurde entsprechend unter dem (realen) Namen des Tagungsteilnehmers auch eine Position “Twitter” eingefügt, wo Jedermann seinen Twitter-Screennamen eintragen konnte. Ich habe zumindest niemanden gesehen, der dieses Feld nicht ausfüllte.
  2. Viele Sozialdemokraten waren beim politcamp11. Sie nutzten die Plattform, um einen netzpolitischen Neustart zu wagen. Das wurde auch innerparteilich kritisiert, da das politcamp zwar eine politische, aber eine überparteiliche Veranstaltung ist. Umso weniger Piraten waren erkennbar, was vielleicht statistisch anders sein mag, aber sie fügten sich gut in das Bild ein und pochten ganz und gar nicht auf die sonst so beschwörte Sonderrolle, die ihr als außerparlamentarische Opposition unter drei Prozentpunkte nicht einmal beim Wahl-Balken von ARD und ZDF zusteht.
  3. Etwas befremdend empfand ich, wie der eine oder andere seinen Lebensstil im altehrwürdigen – ohne stocksteif klingen zu wollen – “Alten Wasserwerk” ausbreitete, einfach mal seine Käsefüße neben mir auszog und auf den Stuhl vor sich lehnte. Auch dachte ich in einem Moment, ein Sascha Lobo-Double wäre hier. Frisurentechnisch war der eine oder andere schräge Typ beim #pc11.

Alles in allem war das politcamp11 eine interessante Erfahrung, die Spaß bereitet und Lust auf mehr gemacht hat. Ob das politcamp und ich nur ein einmaliges Stelldichein hatten, oder ob es zu einem zweiten Treffen kommt, mag womöglich nur davon abhängen, wo es 2012 stattfindet. Manche haben Brüssel ins Spiel gebracht. Das ist nicht ganz so weit weg wie Berlin.