Um direkt den möglicherweisen falschen Eindruck des Titels zu verwischen: Berlin ist eine schöne Stadt. Nein, es geht nicht um die Menschen in unserer Hauptstadt, um den schönen Tiergarten, die große Geschichte und die Bauten zwischen Spree und Fernsehturm. Viel mehr geht es in diesem Artikel um den beschränkten Blick manches Journalisten.

Aber der Reihe nach.

Am Sonntag begann die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in Deutschland. Eine große Chance nicht nur für unser Land, uns nach 2006 als gute Gastgeber zu präsentieren, sondern auch für unsere Mädels, das Triple zu holen und nach 2003, 2007 erneut Weltmeister zu werden. Sie hätten es sich verdient. Obgleich sich der Frauen-Fußball noch in der Entwicklung befindet, findet er immer mehr Anhänger, und das nicht erst seitdem am Sonntag rund 73.000 Menschen im Berliner Olympiastadion ihre Spielerinnen anfeuerten. Spätestens als zehntausende Fans 2007 auf dem Frankfurter Römer standen und unsere Frauen mit dem Pokal empfangen, hat Fußball-Deutschland auch die Mannschaft um Trainerin Silvia Neid ins Herz geschlossen.

Verschiedene Medien haben das Thema in letzter Zeit aufgegriffen. Längst hat es zwar noch keine Dimensionen wie bei den Männern erreicht; dass ARD und ZDF alle Spiele der Weltmeisterschaft live zeigen, und nach dem Sonntag-Spiel gegen Kanada die Nachrichtenagenturen Eilmeldungen verschickten, was spätestens jeden noch so verbohrten Zeitungsredakteur am Schreibtisch wachrüttelte, zeigt, wie sehr die Nachfrage da ist.

SPIEGEL ONLINE, das Leitmedium im Internet schlechthin, hat sich der Berichterstattung ebenfalls angeschlossen und berichtete auffällig viel über das erste Gruppenspiel gegen Kanada. Erstaunt blickte ich, umso später es am Sonntagabend wurde, auf einen Artikel mit der Überschrift: “Ist ja der Anfang, kann ja noch werden”. Dort tut Nora Gantenbrink für SPIEGEL ONLINE Kund, was sie am Abend in Berlin erlebte, und das scheint sie doch recht unzufrieden gemacht zu haben. Sie hat folgende Szenen beobachtet:

Die großen Pilgerströme hin zu den Public-Viewing-Plätzen von grölenden Menschen in Schwarz-Rot-Gold-Weiß bleiben in der Hauptstadt bislang aus. Hinter den Menschen auf den Bierbänken trödeln Touristen lang, nebenan pokert ein Männerquartett konzentriert vor einer Dönerbude. Die vorbeifahrenden Wagen sind Deutschlandfahnen-frei.

Warum das so ist, diese Antwort liefert sie uns gleich mit:

Es gibt keine Fanmeile am Brandenburger-Tor, keinen Party-Sammelpunkt, aber ein paar Kneipen (…).

Auch der obligatorische Männerfußball-Vergleich darf bei Nora Gantenbrink nicht fehlen:

An dem Tag, an dem das Sommermärchen in Deutschland begann, sah man kaum ein Fahrzeug ohne Deutschlandflagge, während der Spiele waren die Supermärkte und Straßen leer, und Deutschland versank außerhalb von Fernsehgeräten, dem Stadion und Public-Viewing-Plätzen in einen Dornröschenschlaf. Aber Frauen- und Männerfußball vergleichen, das gilt generell als verpönt (…).

Schließlich zitiert sie noch jemanden aus einer Fußball-Bar, der ihr die tolle Überschrift “Ist ja der Anfang, kann ja noch werden” für ihren Text schenkte. Dem Mann, er soll Moritz heißen, ist zu danken. Damit hätte sie eigentlich schon alles sagen können. Ansonsten wäre eventuell noch folgendes interessant gewesen:

Aber das scheint die Dame von SPIEGEL ONLINE ja nicht zu interessieren. Für sie scheint Berlin der einzige Gradmesser für die Stimmungslage in Deutschland zu sein. Schade.