Digitale Bezahlmodelle, oder: Wie sich „Die Welt“ so etwas vorstellt
11. Dezember 2012
Die Zeitungsleser werden immer weniger, Blätter wie die „Financial Times Deutschland“ müssen mangels wirtschaftlicher Rentabilität eingestellt werden. Deshalb braucht es mutige Verlage, die digitale Geschäftsmodelle entwickeln. „Die Welt“ startet morgen mit einem ersten Versuch. Hat das Zukunft?
Wie steht es um den deutschen Qualitätsjournalismus? Einerseits durchaus gut, in den Redaktionen hierzulande sitzen viele talentierte Menschen, mit einer feinen Analyse und flotter Feder. Umso schmerzlicher ist ein Verlust einer angesehenen Wirtschaftszeitung wie der „Financial Times Deutschland“, obwohl ich sie nur kurzzeitig im Abo hatte, oder die Probleme, vor denen die Nachrichtenagentur dapd steht.
Ein großes Problem der Branche hierzulande ist es, auf den digitalen Trend nicht recht zeitig reagiert zu haben. Noch immer werden in Deutschland quasi alle Online-Angebote durch den großen Bruder „Print“ finanziert. Eigene Inhalte für Online werden kaum produziert, meist wandert der für die gedruckte Tageszeitung produzierte Artikel irgendwann online. So findet sich meist noch am selben Tag der Artikel aus der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) auf faz.net. Wieso ein Abonnent noch für die Zeitung Geld bezahlen sollte – abgesehen von manch anderen Gründen -, wenn er die gleichen Inhalte kostenlos im Internet lesen kann, wissen die Verlage womöglich nur selbst. Ein angeblicher Grund ist, dass man dadurch mehr Leser auf das Online-Angebot locken möchte, um den Werbepartnern zumindest eine einigermaßen hohe Reichweite anbieten zu können.
„Spiegel Online“ ist quasi die einzige Online-Redaktion, die den Namen „Voll-Redaktion“ verdient. Für den Online-Ableger des SPIEGELs arbeiten in verschiedensten Ressorts Redakteure, neben einem großen Hauptstadtbüro gibt es inzwischen nur für Online schreibende Auslands-Korrespondenten, in: Beirut, Islamabad, London, Moskau, New York, Washington und, wenn man es dazu zählen will, auch in Düsseldorf. Die Werbepreise anschauend und mit den diversen Werbebannern auf spiegel.de vergleichend scheint sich „Spiegel Online“ einigermaßen wirtschaftlich zu tragen.
Einen auf dem ersten Blick richtigen Weg geht „Die Welt“. Der Chefredakteur Jan-Eric Peters kündigt heute mit großen Worten an:
Wir wollen etwas wagen, und zwar gemeinsam mit Ihnen: Von diesem Mittwoch an setzt die “Welt” als erstes großes deutsches Nachrichtenportal im Internet auf digitale Abo-Angebote. Wir wagen den Schritt zu einem Bezahlmodell nach dem Motto: Die “Welt” gehört allen, denen sie etwas wert ist. Es ist eine Investition in die Zukunft unserer vielfach ausgezeichneten journalistischen Arbeit.
Das finde ich durchaus gut. Und ich wäre auch bereit, für Qualitätsjournalismus im Internet zu bezahlen. Hierfür stelle ich folgende Anforderungen:
- Ich bekomme für das bezahlte Angebot keinen reinen dapd- / dpa-Ticker. Agenturmeldungen sind dafür da, dass Journalisten informiert sind, was auf der Welt passiert. Sie können sich auch den Texten aus den Agenturen bedienen, um daraus eine eigene Geschichte zu basteln. Möglicherweise dienen Agenturmeldungen auch als Lückenfüller für die beliebte Zeitungsrubrik „Kurze Meldungen“
- Ich erwarte von einem bezahlten Angebot exklusive Interviews, Hintergrundstücke, Porträts, Reportagen
- Zu guter Letzt erwarte ich, dass für all jene Artikel, die ich durch mein Abo mit finanziere, auch nur denjenigen Lesern zugänglich gemacht werden, die dafür zahlen. Es macht meines Erachtens keinen Sinn, um zum Beispiel der FAZ zurück zu kommen, für ein Produkt zu bezahlen, das ich online vom selben Anbieter kostenlos erhalte
Deshalb ist es interessant zu sehen, wie „Die Welt“ damit um geht. Schaun wir mal, wie sich der Verlag das so vorgestellt hat:
Sie können weiterhin eine bestimmte Anzahl an Artikeln kostenfrei lesen. Diese Anzahl ist derzeit auf 20 Artikel pro Monat beschränkt. (…) Jeweils zu Beginn jedes Kalendermonats wird Ihr Artikelkonto geleert und Sie können erneut bis zu 20 Artikel auf unserer Internetseite kostenfrei lesen.
Sprich: Ein Abo mit dem Axel-Springer-Verlag abzuschließen lohnt sich erst, wenn ich mindestens 21 unterschiedliche Artikel pro Monat lesen möchte? Okay, also eine erste Einschränkung. Weiter im Text:
Ebenfalls nicht mitgezählt werden derzeit die Bildergalerien eines Artikels sowie Videos.
Ist klar, denn Bildergalerien sowie Videos erzeugen Page Impressions und die sind wichtig für die Werbekunden. Zweite Einschränkung.
Nutzergenerierter Inhalt wird nicht angerechnet und mindert daher nicht Ihr Kontingent kostenfreier Artikel unserer Internetseite. Dies gilt für Kommentare zu Artikeln und auch zu Blog-Einträgen.
Macht Sinn. Wollen wir mal wohlwollend nicht als Einschränkung zählen.
Wir freuen uns auch weiterhin über Ihre Aktivität über Social-Media-Plattformen, Blogs und ähnliche Seiten. Sollten Ihre Social-Media-Freunde bzw. -Kontakte Ihrem Empfehlungs-Link folgen, können diese den Artikel problemlos lesen, auch nach dem Erreichen der 20-Artikel-Marke.
Ihr wollt mir also sagen, wenn ich einen Link via der Empfehlungs-Funktion verbreite, muss derjenige, der diesem Link folgt, nichts bezahlen? Umgekehrt bedeutet das also, wenn ich mir selbst einen Empfehlungs-Link bastel, muss ich auch nichts für den Artikel bezahlen? Nur, dass wir uns richtig verstehen: Ich kann also legal mehr als 20 Artikel im Monat auf welt.de lesen, hierzu muss ich lediglich “Empfehlungs”-Links folgen? Dritte Einschränkung!
Auf Facebook schreibt die Redaktion in einem Kommentar:
Und landen Sie hier über über den Link hier bei Facebook im Artikel, können Sie ihn immer ohne Hürden lesen.
Das gehört ein wenig zum vorherigen Zitat. Aber: Als regelmäßiger Leser der Facebook-Seite von „Die Welt“ spare ich mir ebenfalls Abo-Kosten. Vierte Einschränkung!
Und wie wird die 20-Artikel-pro-Monat-Begrenzung überhaupt technisch geprüft? Dazu antwortet Manuel Bewarder, Politik-Redakteur der Zeitung, auf Twitter wie folgt:
Die Artikel werden durch einen Cookie automatisch gezählt.
Daraus folgt für mich:
- Wenn ich normalerweise mit dem Mozilla Firefox surfe, kann ich pro Monat maximal 20 Artikel besuchen; wechsel ich zu Google Chrome oder Microsofts Internet Explorer, beginnt die Zählerei von Neuem. Bei drei Browsern auf meinem Rechner kann ich also schon 60 Artikel im Monat lesen – toll!
- Technisch für Jedermann zu leisten ist auch die einfache Möglichkeit, seine Cookies zu löschen. Oder wie die Redaktion ohne Scham auf ihrer „Google Plus“-Seite auf die Frage antwortet, was denn wäre, wenn ich als Internet-Nutzer pauschal die Cookies deaktiviere: „Dann steht der Counter bei Ihnen jedes Mal bei null.“
- Fünfte Einschränkung! Aber was für eine!
Lieber Axel-Springer-Verlag, ich würdige durchaus den Versuch, neue Vertriebswege zu gehen. Anders formuliert: Das ist notwendig! Und ich hebe gerne noch einmal hervor, dass ich unter den weiter oben genannten Voraussetzungen auch bereit bin, für Qualitätsjournalismus zu bezahlen. Aber wieso, in Gottes Namen, soll ich für ein Produkt bezahlen, das ich über ganz legalen Wege auch online kostenlos bekomme? Alle Abonnenten müssen sich doch dumm vor kommen, für so etwas Geld auszugeben, wenn alle anderen das Angebot von „Die Welt“ kostenfrei bekommen können. Gesamt betrachtet fällt mir für dieses Geschäftsmodell nur ein: Das ist eine Farce! Einzig für das Produkt „DIGITAL Plus ‚Welt am Sonntag‘“ (14,99 EUR pro Monat) könnte man sich noch erwärmen, bekommt der Kunde dafür nämlich neben dem „unbegrenzten Zugang zu allen digitalen Inhalten der ‚Welt‘“ auch noch die WamS frei Haus. Ob das mit dem Anspruch zu vereinbaren ist, „als erstes großes deutsches Nachrichtenportal im Internet auf digitale Abo-Angebote“ zu setzen, will ich dann jedoch anzweifeln. Letztendlich kann ich nur den durchaus pessimistischen Eindruck formulieren, dass sich der Axel-Springer-Verlag mit diesem Geschäftsmodell schlicht eine Argumentation basteln möchte, in einigen Monaten sagen zu können, digitale Bezahlmodelle würden sich nicht tragen. Und deshalb benötigen wir Instrumente wie ein “spezielles Leistungsschutzrecht für Verlage”. Irgendwie hängt dann doch alles zusammen?
Berlin ist nicht die Welt
27. Juni 2011
Um direkt den möglicherweisen falschen Eindruck des Titels zu verwischen: Berlin ist eine schöne Stadt. Nein, es geht nicht um die Menschen in unserer Hauptstadt, um den schönen Tiergarten, die große Geschichte und die Bauten zwischen Spree und Fernsehturm. Viel mehr geht es in diesem Artikel um den beschränkten Blick manches Journalisten.
Aber der Reihe nach.
Am Sonntag begann die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in Deutschland. Eine große Chance nicht nur für unser Land, uns nach 2006 als gute Gastgeber zu präsentieren, sondern auch für unsere Mädels, das Triple zu holen und nach 2003, 2007 erneut Weltmeister zu werden. Sie hätten es sich verdient. Obgleich sich der Frauen-Fußball noch in der Entwicklung befindet, findet er immer mehr Anhänger, und das nicht erst seitdem am Sonntag rund 73.000 Menschen im Berliner Olympiastadion ihre Spielerinnen anfeuerten. Spätestens als zehntausende Fans 2007 auf dem Frankfurter Römer standen und unsere Frauen mit dem Pokal empfangen, hat Fußball-Deutschland auch die Mannschaft um Trainerin Silvia Neid ins Herz geschlossen.
Verschiedene Medien haben das Thema in letzter Zeit aufgegriffen. Längst hat es zwar noch keine Dimensionen wie bei den Männern erreicht; dass ARD und ZDF alle Spiele der Weltmeisterschaft live zeigen, und nach dem Sonntag-Spiel gegen Kanada die Nachrichtenagenturen Eilmeldungen verschickten, was spätestens jeden noch so verbohrten Zeitungsredakteur am Schreibtisch wachrüttelte, zeigt, wie sehr die Nachfrage da ist.
SPIEGEL ONLINE, das Leitmedium im Internet schlechthin, hat sich der Berichterstattung ebenfalls angeschlossen und berichtete auffällig viel über das erste Gruppenspiel gegen Kanada. Erstaunt blickte ich, umso später es am Sonntagabend wurde, auf einen Artikel mit der Überschrift: “Ist ja der Anfang, kann ja noch werden”. Dort tut Nora Gantenbrink für SPIEGEL ONLINE Kund, was sie am Abend in Berlin erlebte, und das scheint sie doch recht unzufrieden gemacht zu haben. Sie hat folgende Szenen beobachtet:
Die großen Pilgerströme hin zu den Public-Viewing-Plätzen von grölenden Menschen in Schwarz-Rot-Gold-Weiß bleiben in der Hauptstadt bislang aus. Hinter den Menschen auf den Bierbänken trödeln Touristen lang, nebenan pokert ein Männerquartett konzentriert vor einer Dönerbude. Die vorbeifahrenden Wagen sind Deutschlandfahnen-frei.
Warum das so ist, diese Antwort liefert sie uns gleich mit:
Es gibt keine Fanmeile am Brandenburger-Tor, keinen Party-Sammelpunkt, aber ein paar Kneipen (…).
Auch der obligatorische Männerfußball-Vergleich darf bei Nora Gantenbrink nicht fehlen:
An dem Tag, an dem das Sommermärchen in Deutschland begann, sah man kaum ein Fahrzeug ohne Deutschlandflagge, während der Spiele waren die Supermärkte und Straßen leer, und Deutschland versank außerhalb von Fernsehgeräten, dem Stadion und Public-Viewing-Plätzen in einen Dornröschenschlaf. Aber Frauen- und Männerfußball vergleichen, das gilt generell als verpönt (…).
Schließlich zitiert sie noch jemanden aus einer Fußball-Bar, der ihr die tolle Überschrift “Ist ja der Anfang, kann ja noch werden” für ihren Text schenkte. Dem Mann, er soll Moritz heißen, ist zu danken. Damit hätte sie eigentlich schon alles sagen können. Ansonsten wäre eventuell noch folgendes interessant gewesen:
- In Frankfurt am Main am Mainufer waren 15.000 Menschen beim Public Viewing, mehr haben nicht auf das Gelände gepasst
- Rund 10.000 Menschen waren während der Deutschland-Partie in Mönchengladbach dabei
- 3.000 Menschen kamen nach Sinsheim zum Public Viewing
- In Offenburg waren es immerhin 1.000 Besucher
- Zu guter Letzt titelt die Deutsche Presse-Agentur: “Fangemeinde explodiert: Frauenfußball plötzlich in” (dort ist auch die Rede von gut 100.000 Besuchern beim “Ballzauber” zur Frauen-WM am Samstagabend in Frankfurt am Main)
Aber das scheint die Dame von SPIEGEL ONLINE ja nicht zu interessieren. Für sie scheint Berlin der einzige Gradmesser für die Stimmungslage in Deutschland zu sein. Schade.