Twitterer des Jahres
31. Dezember 2011
Twitter ist ein wahnsinnig interessantes Kommunikations-Medium. Auch ich nutze diesen “Micro-Bloggingdienst” seit langer Zeit und folge mit Stand zum 31.12.2011 1.999 Accounts. Aus diesem Fundus habe ich erstmalig meine “Twitterer des Jahres” ausgezeichnet (Hash-Tag #Twitterer2011). Damit möchte ich deutlich machen, dass es interessante Persönlichkeiten gibt, die mir über das gesamte Jahr hin durchweg positiv aufgefallen sind. Neben einigen Kategorien in denen ich Preisträger bekannt gegeben habe, gibt es drei “Sonderpreise” für Twitter-Accounts, über die meines Erachtens herausragende Arbeit geleistet wird. Auf Vorschlag eines dieser prämierten Twitter-Kollegen fasse ich meine Preisträger zusammen.

Politischer Aufsteiger des Jahres
Politischer Aufsteiger des Jahres: @PeterAltmaier “begann zu begreifen” und gehört inzwischen zum Inventar #Twitterer2011
Peter Altmaier ist parlamentarischer Geschäftsführer der CDU / CSU-Bundestagsfraktion. Der Saarländer hat 2011 mit dem Twittern begonnen und wurde unter anderem damit bekannt, dass er bezogen auf seinen Kollegen Siegfried Kauder und dessen Forderungen nach einen Two-Out-Strikes-Modell schrieb: “Wer Bücher klaut ist kriminell, aber man nimmt ihm nicht die Lesebrille weg.” Er hat außerdem für die FAZ einen tollen netzpolitischen Artikel verfasst. @PeterAltmaier ist mein politischer Aufsteiger des Jahres auf Twitter!

Fernsehkanal des Jahres
Persönlich und stets informativ: @ZDF, bester Fernsehkanal 2011 hier auf Twitter! Wie es 2012 wird…? ;-) #Twitterer2011
Kaum zu glauben: @ZDF auf Twitter (früher: “ZDFonline”) wird von nur zwei Personen geführt – Marco Bereth und Michael Umlandt, die ursprünglich gar nicht für das ZDF gearbeitet haben. Ihr Stil zu twittern ist sehr locker, der Inhalt trotzdem tiefgehend, informativ. Es macht einfach Spaß, Follower des ZDF zu sein. Auch wenn die Kollegen von ProSieben und Sat.1 ebenso gute Arbeit machen: Mein Fernsehkanal des Jahres auf Twitter ist eindeutig das ZDF!

Zeitung des Jahres
Manchmal zu lokal und deshalb spezifisch, aber gewiss das Internet verstanden: @RheinZeitung, die beste Zeitung auf Twitter! #Twitterer2011
Die “Rhein-Zeitung” ist eine Lokalzeitung und aus dem Rheinland stammend, deshalb sind die Inhalte dieser Tageszeitung als Hesse oftmals nicht mein Interesse. Das umfangreiche Online-Angebot bietet jedoch des Öfteren auch überregionale Themen spannend aufbereitet. Die “Rhein-Zeitung” bezieht dabei ganz bewusst auch Informationen von Twitter und scheut sich nicht, auch Twitterer als Quelle anzugeben. Andere Zeitungen hätten gewartet, bis dpa & Co. eine Agenturmeldung veröffentlichen. Auch in der Direkt-Kommunikation via Facebook und Twitter ist die RZ ganz weit vorne. Da können noch viele Tageszeitungen etwas von lernen. Viele Korrespondenten sind zudem selbst auf Twitter, nicht nur um Informationen zu empfangen, sondern auch zu senden. Beispielhaft sei hier Dietmar Brück, RLP-Landeskorrespondent, genannt. @rheinzeitung ist auf Twitter meine Zeitung des Jahres!

Twitterin des Jahres
Sie hat die Bauern auf #RTL nicht verdient, auch wenn sie ihr größter Fan ist: @Fran_Muc, die sympathischste Twitterin 2011! #Twitterer2011
Es gibt viele gute Twitterinnen auf Twitter, vor allem aus der Union. Seien es Kristina Schröder, Julia Klöckner oder Dorothee Bär. Und eben: Franziska Ferber. Die junge Büroleiterin der stellv. CSU-Generalsekretärin Bär hat einen sehr erfrischenden Stil und zieht ihre Follower gerne in den Bann, bezieht sie in ihre Tweets ein. Und selbst wenn sie mit ihren “Bauer sucht Frau”-Tweets zuweilen die gesamte Timeline überschwemmt, wirken ihre #bsf-Tweets trotz alledem sympathisch. Eine Frau, die Kommunikation kann. Daher ist @Fran_Muc meine Twitterin des Jahres!

Twitterer des Jahres
Manchmal kompliziert und in der falschen Partei, aber großes Nachwuchstalent: @Schmidtlepp, sympathischster Twitterer 2011! #Twitterer2011
Viele potentielle Preisträger hätte es für diesen Titel gegeben. Aber etwas Mut zur Lücke muss sein: Christopher Lauer ist Abgeordneter in Berlin, er ist zuweilen umstrittener Pirat durch und durch. Ein rhetorisches Talent, der versteht, wie eine Fraktion arbeiten sollte, aber mit seinen Versuchen dafür einzutreten mitunter scheitert. Seine Art auf Twitter zu agieren mag auf Dauer überfordernd wirken, aber sein Stil ist humorvoll und sympathisch. Er ist ein Twitter-Freund von Peter Altmaier. Christopher Lauer: Ein Mann in der falschen Partei, aber mit der richtigen Art. Daher ist @Schmidtlepp mein Twitterer des Jahres!


Sonderpreis: Blogger des Jahres
Sonderpreis I: Die Blogger des Jahres sind @hildwin und @stecki, stets mit einem schlauen Gedanken und flotter “Feder” #Twitterer2011
Sie engagieren sich beide für eine zukunftsgerichtete Netzpolitik: Frank Bergmann und Malte Steckmeister. Ihre Gedanken äußern sie nicht nur umfangreich in internen Gruppen und Mailinglisten bzw. auf Twitter, ihre Gedanken können sie stets auch gut zusammengefasst und pointiert analysiert “runterbloggen”. Die Lektüre ihrer Blogs wird für politisch Interessierte zur Pflicht. 2011 war ihr Jahr. @hildwin und @Stecki haben deshalb einen Sonderpreis mehr als verdient und sind meine Blogger des Jahres!

Sonderpreis: Journalisten des Jahres
Sonderpreis II: Sie liest man gerne, wenn man Journalisten folgen möchte: @raffisweb @chris_albrecht @Mathis22 @dominikrzepka #Twitterer2011
Wenn man denkt, Journalisten veröffentlichen ausschließlich in ihrem eigenen Medium – weit gefehlt! Nicht nur die “Rhein-Zeitung” beweist hier Gegenteiliges. Auch der hr und das ZDF sind vorne dabei. Rafael Bujotzek (ZDF “heute-journal”), Christian Albrecht (hr-online.de), Mathis Feldhoff (ZDF-Hauptstadtstudio) und Dominik Rzepka (heute.de) berichten über ihre Arbeit und darüber hinaus auf Twitter. Ein Vorbild für andere Journalisten. Daher sind sie meine Journalisten des Jahres auf Twitter!

Sonderpreis: FDPler des Jahres
Sonderpreis III: Noch jung, aber “oho” – @LasseBecker, ein Lichtblick bei der krisenbehafteten #FDP? Follower-Tipp! #Twitterer2011
Es mag ein wenig wie Hohn klingen, aber es ist durchaus ernst gemeint: Lasse Becker, der Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen (JuLis), macht – auch wenn inhaltlich manchmal anderer Meinung als ich – eine hervorragende Arbeit. Er trifft oftmals den Ton. Auch kann er klare Kante zeigen und hat FDP-Abgeordneten angedroht, sollten sie für die Vorratsdatenspeicherung stimmen, bräuchten sie sich bei den JuLis nicht mehr zu zeigen. Wow! Auf Twitter ist er stets ansprechbar, ist trotz seines Aufstieges zum Vorsitzenden der FDP-Jugendorganisation geerdet geblieben. Er ist deshalb (auf Twitter) mein FDPler des Jahres!
Ein Abend als Twitter-Reporter
14. Juli 2011
Twitter ist ein tolles Medium. Nicht nur, dass es in diesen Tagen fünf Jahre alt geworden ist und damit zeigt, dass es ob seiner Belietbheit keine Eintagesfliege ist. Vor allem öffnet es neue Tore für jene, die wie ich Spaß daran haben, auf dieser Plattform etwas zu schreiben.
Als begeisteter Fußballzuschauer, der auch unseren Mädels die Daumen drückte, besuchte ich vergangene Woche das Spiel Äquatorial-Guinea gegen Brasilien in Frankfurt und bewarb mich bereits vorher bei der “Frankfurter Neue Presse” als so genannter Twitter-Reporter. Dahinter steckt eine von Weber Shandwick betreute Kampagne der Deutschen Telekom. Pro Spiel werden sechs Twitterer gesucht, die über den Account “Herzrasen11” berichten. Die Telekom arbeitet dabei mit regionalen Zeitungen zusammen, wovon jeweils zwei Medien pro Spiel drei Reporter schicken dürfen. Einer der drei Teilnehmer pro Spiel und Zeitung kann zudem ein Sony Ericsson Xperia gewinnen – im Übrigen das Smartphone, mit dem jeder Twitter-Reporter während seines Einsatzes arbeiten darf.

@molschewski und ich (die dritte Kollegin kam etwas später hinzu), Foto: Herzrasen11
Für das Halbfinale Japan gegen Schweden bekam ich nun die Möglichkeit, einer der “Glücklichen” zu sein. Unsere Betreuerin gab uns zwar ein, zwei Aufgaben, worüber wir twittern sollten, ansonsten hatten wir relativ große Freiheiten. Man regte lediglich an, neben allgemeinen Informationen wie den aktuellen Spielstand Emotionen und Geschichten aus dem Stadion aufzusaugen. Der Vorteil dabei war, dass wir direkt im Fanblock saßen und Zuschaueremotionen direkt mitbekommen konnten. Nachteilig: Mit einer Presse-Akkreditierung ist man näher am Spielgeschehen dran, darf vllt. in der Mix-Zone mit Spielern sowie den Verantwortlichen kurze Gespräche führen und vor allem Fotos vom Spielfeld schießen, was uns leider über den “Herzrasen11″-Account nicht erlaubt war.
Im Folgenden eine chronologische Auflistung aller meiner Tweets, die unter “Herzrasen11″ mit dem Kürzel “fs” zu lesen sind:
- Auf der Buhne vor dem Stadion wird “Ich will Spaß“ von Markus gecovert – den haben wir!
- Politischer Tipp: Hessens Umweltstaatssekretär Weinmeister inkognito getroffen, er glaubt an ein 2:1 für Japan
- Männliche Zuschauer im Fanblock sind etwas zurückhaltend, befragt nach ihren Erwartungen: “Einer wird gewinnen”
- Das obligatorische “Heidelsheim”-Banner auf schwarz-rot-goldenem Hintergrund darf hier im Stadion auch nicht fehlen
- Erste Laola-Welle auf den Oberrängen verlief im Sande, zweiter Versuch klappt
- Tor für Schweden. überschwinglicher Jubel im Stadion
- Reporter-Kollege von der @rheinzeitung hat sich Spickzettel mit Infos über die Mannschaften mitgebracht, sehr schlau ;)
- Wo kommen plötzlich die weißen Flaggen mit roten Punkten alle her? Japan gleicht aus, 1:1
- Kommentar aus dem Fanblock: “Wie die mit ihren kurzen Füßen flitzen tut, sagenhaft”
- Unser Arbeitsgerät: http://yfrog.com/ki21545366j
- Gefühlt erhöht sich derzeit die Fehlerquote im Spiel
- Wir wollen ja keine Vorurteile bedienen, aber auffällig viele Japaner sind mit Fotoapparaten ausgestattet
- Kolleginnen helfen den kleinen Fans bei Fragen: http://yfrog.com/klutdwij :)
- Junger schwedischer Fan ist optimistisch, dass es ihre Mannschaft noch mit einem Sieg in das Finale schafft
- Publikum besteht im Vergleich zu normalen BuLi-Spielen deutlich aus mehr Familien, tut der Stimmung aber keinen Abbruch
- Japan geht erstmals in Führung durch einen Abwehrfehler, 2:1
- Und das 3:1 für Japan, wieso geht die Schwedin auch so weit aus dem Tor?
- Zeitspiel der japanischen Torhüterin wird gnadenlos vom Publikum ausgepfiffen
- Schweden machen einfach zu viele Fehler, Japan konnte das bereits dreimal erfolgreich und inzwischen verdient ausnutzen
- Verdienter 3:1-Sieg für Japan, die Asiatinnen haben heute großen Respekt verdient. Schwedische Fans gehen enttäuscht heim
- Japanerinnen bedanken sich per Banner für die Unterstützung der Fans. Okay, die Pfiffe waren erwartbar
- Hat Spaß gemacht, an dieser Stelle sagt @frederics ein Dankeschön bei allen Lesern für die Aufmerksamkeit
Zwischen Sessions und Berlin
6. Juni 2011
Das politcamp11 ist das Treffen der Netzpolitiker Deutschlands. In diesem Jahr fand die zweitägige Veranstaltung in der Bundesstadt Bonn statt. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.
Gutes Ding will Weile haben. Das politcamp und ich waren bislang zwei Seiten, die miteinander wollten, aber der eine hatte nie Zeit, so weit gen Nordosten nach Berlin zu reisen, wo das politcamp sonst stattfindet. So blieben mir meist nur der Live-Stream, das 140 Zeichen-Rauschen via Twitter und vor allem die Erzählungen anderer. In diesem Jahr habe ich es nun endlich geschafft, wenn auch nur einen Tag, das politcamp zu besuchen.
Vorweg gegangen war eine nicht ganz zweistündige Autofahrt nach Bonn, in die “Charles de Gaulle”-Straße, was auf Google Maps irgendwie nach Industriegebiet aussah und sich vor Ort als mondäne städtebauliche Leistung entpuppte. Gelegen am Rhein, verkehrsberuhigt, und anscheinend wichtig. Den Weg zum “Alten Wasserwerk”, das von 1986 bis 1992 als Plenarsaal des Deutschen Bundestages diente, fand ich ganz ohne Navigation, den ersten “Politcamper” erkannte ich an den grau-hellblauen Ausweisen – etwas überdimensioniert, genau deshalb aber auch von weitem erkennbar. Detektivmäßig folgte ich ihm den dreiminütigen Fußweg, bis ich auf das erste bekannte Gesicht stieß. Etwas unbeholfen meldete ich mich am Tagungsschalter an, wurde kurz vom Chef persönlich begrüßt und überquerte dann die Türschwelle in den Plenarsaal, wo ich hunderte Sitzplätze sah – gefühlt die Hälfte davon besetzt. Vorne ein Podium mit Diskutanten, die sich über das Thema „Netzpolitik international“ austauschten. Darunter vor allem Mitarbeiter der “Deutschen Welle” (DW), was etwas koscher ist, da die DW zugleich einer der Hauptsponsoren war. Allerdings sollte dies nicht unbedingt negativ auffallen.
Im Zweifel für die Freiheit
Die Diskussion war geprägt von unterschiedlichen Sichtweisen verschiedener Kontinente. Der chinesische Vertreter berichtete besonders davon, dass es keine wirkliche Freiheit in China gebe, und der Vertreter aus dem Iran, Mahmood Salehi, wies auf den Umstand der örtlichen Zensur hin, was sich aber vor allem auch in langsamen Internet-Verbindungen auszeichne. Er erzählte von einem iranischen Oppositionellen, der mit seinem Twitter-Account immer wieder neu starten müsse und jedes Mal, wenn die iranische Zensur ihn auf die schwarze Liste nahm, eine Zahl am Ende seines Twitter-Namens addiere. Zuletzt war es die Zahl 17. Dies war ein sehr einfaches, aber meines Erachtens bezeichnendes Beispiel, wie stark die Zensur in solchen Regimen, aber zugleich wie hartnäckig und mit einem langen Atem ausgestattet die demokratisch(er) denkende Opposition ist. Aus Lateinamerika lernten wir, dass die dort handelnden politischen Akteure das Internet sehr stark nutzen, teilweise auch für kontroverse Diskussionen mit der berichterstattenden Presse. In anderen Ländern wie Bolivien sind Internet-Verbindungen jedoch auch sehr teuer, Lateinamerika leidet zum Teil unter der so genannten “digitalen Spaltung”.
Höhepunkt des #pc11-Sonntages war gewiss die Diskussionsrunde zur Enquete-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft” im Deutschen Bundestag. Das Podium war mit Vertretern aller Fraktionen im Bundestag besetzt, was auch die Relevanz des politcamp11 deutlich machte, zugleich aber auch demonstrierte, dass in der Enquete-Kommission vor allem junge Politiker mitarbeiten und gestalten sollen, die in ihrer ersten Bundestags-Legislaturperiode sind. Was die Enquete-Kommission tue, wäre, so Peter Tauber MdB (CDU), vor allem auch Aufklärungsarbeit bei den eigenen Leuten. Wenn sie mit netzpolitischen Ideen in der Fraktion konfrontiert werden, würde dies neue Diskussionen anstoßen, die bei dem einen oder anderen auch zum Umdenken führt. So schreiben sich die jungen Netzpolitiker, zuvorderst die der FDP, auf die Fahne, die umstrittenen “Internet-Sperren” erfolgreich gekippt zu haben.

(v. li.:) Moderator und Vorwärts-Chefredakteur Uwe Knüpfer, Manuel Höferlin MdB, Peter Tauber MdB. Foto: politcamp / Martin Köster
Für die hohen Erwartungen der Netz-Community scheint dies jedoch noch viel zu wenig zu sein. Die Wortmeldungen beim politcamp11 waren primär von Skepsis gespickt, dass die Enquete-Kommission eine große Show, aber am Ende ohne handfeste Ergebnisse sei. Peter Tauber & Co. argumentierten, Politik sei das Bohren von harten Brettern, und deshalb ein Prozess, der viel Ausdauer bedeute.
Dass sie etwas bewegen, da waren sich jedoch alle Teilnehmer der Podiumsdiskussion einig. In den diversen Enquete-Projektgruppen, bei denen es unter anderem um tagesaktuelle Fragen wie den Datenschutz geht, konnten einige konsensuale Beschlüsse für den in diesem Jahr auszufertigenden Zwischenbericht gefasst werden. Im Anschluss an den Zwischenbericht plant die Enquete-Kommission die tagesaktuelle Debattenschiene zu verlassen und sich visionärer der Netzpolitik zu nähern. Was Lars Klingbeil MdB (SPD) dazu verleitete, an das Ende der Enquete-Kommission zu denken und zu fordern, einen ständigen Ausschuss “Netzpolitik” einzurichten, der etwa auch Aufgaben des Innenausschusses übernehmen könnte. Denn Netzpolitiker könnten besser über Fragen wie die Vorratsdatenspeicherung entscheiden als rechtspolitisch denkende Innenpolitiker, so die Argumentation. Manuel Höferlin MdB (FDP) und Peter Tauber sehen die Netzpolitik jedoch vielmehr als Querschnittsthema, wozu man keinen einen Ausschuss einrichten könne, sondern stattdessen Netzpolitiker in den wichtigen Ausschüssen sitzen müssten.
Netzgemeinde fordert selbstbewusste Abgeordnete
Viel Lob gab es indessen für alle fünf Podiumsteilnehmer, sich am Sonntagmorgen dem politcamp11 zu stellen. Zugleich appellierten manche Zuhörer an das Selbstbewusstsein der Parlamentarier, was sich zuletzt bei der Einführung von “Adhocracy” zeigte, ein onlinebasierendes Werkzeug, um den so genannten “18. Sachverständigen” (ergo alle interessierte Bürger) in die Enquete-Kommission besser einzubinden. Das Projekt stieß auf viel Widerstand der öfters sehr schleppend denkenden Bundestagsverwaltung. Inzwischen ist das Werkzeug zwar implementiert, erfreut sich aber kaum Interesse. Dies liegt neben der fehlenden Bekanntheit auch an den wenigen dafür zur Verfügung stehenden Ressourcen. Ein politcamp11-Teilnehmer sagte, die Parlamentarier sollten sich von ihrer Verwaltung einfach das nehmen, was sie für ihre Arbeit brauchen. Ein anderer warb dafür, die Bürger dort abzuholen, wo sie sich befinden und dies wäre nicht eine dezentrale Plattform auf den Bundestags-Servern. Welche Plattformen er damit konkret meinte, sagte er nicht, gemeint sind wahrscheinlich soziale Netzwerke wie Facebook.
Die dritte Diskussionsrunde hatte den wissenschaftlich-anmutenden Titel “Partizipation und Community Management. Nutzen Parteien den Rückkanal?”. Die Moderation übernahm Alexander Kurz. Mit dem Thema war vor allem gemeint, welche Chancen es Politikern bietet, das Internet für die eigene politische Arbeit zu nutzen, und was der Unterschied auf den verschiedenen Ebenen ist. Dass etwa die Einbindung von Bürgern über das Netz auf kommunaler Ebene zwecks eventuell gar nicht vorhandener Infrastruktur viel schwieriger zu gestalten ist als ein Bundestagsabgeordneter, der nur ein, zwei Statusmeldungen schreibt und wahrscheinlich direkt Meinungen dazu kommentiert bekommt, wie es Andreas Jungherr beschrieb.

Die Politcamper. Foto: politcamp / Martin Köster
Im Anschluss verlies das politcamp11 das “Alte Wasserwerk” und lief – nach einer Pause, die einige für einen Abstecher zum McDonalds nutzten – weiter im benachbarten Gebäude der „Deutschen Welle“. Die DW hat sich einen wahren Prachtbau, ganz in Weiß gehalten und hübsch angelegt eingerichtet. Hier fand samstags und sonntags das BarCamp statt. Dieser Begriff bedeutet, dass zu Anfang ein so genannter „Sessionplan“ erstellt wird: Jeder Teilnehmer kann Vorschläge für ein von sich gehaltenes Referat (eine Session) einbringen, darüber wird demokratisch abgestimmt und dann auf verschiedene Räume verteilt. Insgesamt gab es am Sonntag zwei Zeitkorridore, und Sessions, die sich entweder auf die Enquete-Kommission beziehen oder mit aktuellen Themen beschäftigen. Jemand hielt eine Session zum Thema #spanishrevolution, was die Umbrüche auf der iberischen Halbinsel beschreibt, eine andere hatte den Namen “Kollaboratives Ministerstürzen”, wo Bezug genommen wurde auf die Internet-Nutzer, die die Doktorarbeit von zu Guttenberg analysierten und darin Plagiatsstellen fanden. Abgerundet wurde das Angebot etwa von selbsternannten “Social Media Experten”, die ihre Begeisterung für Projekte wie Foursquare in Power Point-Präsentationen packten. Höhepunkt (sinngemäß): “Ich habe mir eine Erweiterung aktiviert, die mir jeden Tag mitteilen kann, was ich heute vor einem Jahr getan habe. Das finde ich ganz toll!”
Twitter als das neue Posiealbum
Randnotizen:
- Das politcamp11 ist neben der informativen Komponente in Diskussionen und Sessions vor allem ein Netzwerk-Treffen. Entweder man kennt sich von Twitter und sieht sich nun “real life”, oder man lernt sich “real life” kennen und folgt sich im Anschluss auf Twitter. Auf den Ausweisen wurde entsprechend unter dem (realen) Namen des Tagungsteilnehmers auch eine Position “Twitter” eingefügt, wo Jedermann seinen Twitter-Screennamen eintragen konnte. Ich habe zumindest niemanden gesehen, der dieses Feld nicht ausfüllte.
- Viele Sozialdemokraten waren beim politcamp11. Sie nutzten die Plattform, um einen netzpolitischen Neustart zu wagen. Das wurde auch innerparteilich kritisiert, da das politcamp zwar eine politische, aber eine überparteiliche Veranstaltung ist. Umso weniger Piraten waren erkennbar, was vielleicht statistisch anders sein mag, aber sie fügten sich gut in das Bild ein und pochten ganz und gar nicht auf die sonst so beschwörte Sonderrolle, die ihr als außerparlamentarische Opposition unter drei Prozentpunkte nicht einmal beim Wahl-Balken von ARD und ZDF zusteht.
- Etwas befremdend empfand ich, wie der eine oder andere seinen Lebensstil im altehrwürdigen – ohne stocksteif klingen zu wollen – “Alten Wasserwerk” ausbreitete, einfach mal seine Käsefüße neben mir auszog und auf den Stuhl vor sich lehnte. Auch dachte ich in einem Moment, ein Sascha Lobo-Double wäre hier. Frisurentechnisch war der eine oder andere schräge Typ beim #pc11.
Alles in allem war das politcamp11 eine interessante Erfahrung, die Spaß bereitet und Lust auf mehr gemacht hat. Ob das politcamp und ich nur ein einmaliges Stelldichein hatten, oder ob es zu einem zweiten Treffen kommt, mag womöglich nur davon abhängen, wo es 2012 stattfindet. Manche haben Brüssel ins Spiel gebracht. Das ist nicht ganz so weit weg wie Berlin.